»Sein oder nicht sein«.
»Ein Königreich für ein Pferd«.
»Weniger Kunst, mehr Inhalt«.
»Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt.«
Alles Zitate aus dem Werk des William Shakespeare. Aber - was wenn William Shakespeare nicht ein einziges Wort davon tatsächlich verfasst hat? Wenn all seine Werke, seine Stücke, Gedichte, Tragödien, Romanzen und Komödien von einem ganz anderen geschrieben wurden?
Roland Emmerichs »Anonymus« - handelt von eben dieser Frage. Was, wenn ein ganz anderer der Verfasser der Werke Shakespeares war? Der Earl of Oxford zum Beispiel? Durch seinen Adelsstand daran gehindert, seiner Muse freien Lauf zu lassen, denn dem Britischen Adel war es verboten solch irdischen Gelüsten wie dem
Schreiben nach zu kommen... Armer Earl.
John Orloffs Skript vermischt harte Fakten mit wilden Vermutungen. Glamouröse Geschichte mit forcierter Fiktion! Wie jungfräulich war Queen Elizabeth I. wirklich? Welche Ziele verfolgten die Cecils, die Berater der Königin? War William Shakespeare, der nicht schreiben konnte, vielleicht sogar ein Mörder?
Herrlich unangenehm und schmierig und dumm
Die Fragen, die gestellt werden, sind waghalsig. Die Thesen, die aufgestellt werden, sind mutig bis bizarr und manchmal tollkühn geschmacklos. Die Ausstattung des Films ist Oscarreif! Ebenso die Spezialeffekte, der Szenen im London des 16. und 17. Jahrhunderts. Die Darsteller allesamt hervorragend. Emmerich erweist sich
als »Schauspiel-Regisseur«, als »Actors Director«. Rafe Spall als Shakespeare ist herrlich unangenehm und schmierig und dumm. Rhys Ifans als Earl of Oxford schafft es, eine Verbindung zwischen Shakespeares Theatralik und einem Hollywood - Historien-Drama zu kreieren, mit einem manchmal übertriebenen, manchmal zurückhaltenden Spiel.
Joely Richardson und Vanessa Redgrave, beide als Queen Elizabeth, liefern zwei wunderbare Porträts ein und derselben Figur ab und besonders Edward Hogg, als missgebildeter Robert Cecil ist exorbitant gut.
Es ist eine völlig neue Art eines »Roland-Emmerich-Katastrophen-Epos«! Keine Städte, keine Zivilisationen werden zerstört, sondern die »Seele eines Zeitalters«! Die Kritiker der britischen Inseln nehmen seinen Film bereits auseinander. Manche tun ihn lächelnd ab, andere sind schlichtweg erbost und fühlen sich persönlich beleidigt!
Wie immer bei Emmerich geht eine Welt unter...
Das Publikum wird sich anfangs vielleicht etwas verwirrt fühlen, später dann gefesselt und am Ende mitgerissen - mit Emmerichs bestem Film seit Jahren - vielleicht seinem besten Film überhaupt... und wer hätte gedacht, dass er dabei komplett ohne Außerirdische oder Weltuntergangs-Szenarien auskommt...nun ja...eine Welt geht ja schließlich doch unter! Die Welt, in der wir William Shakespeare als den größten Poeten aller Zeiten kennen.
Aber heißt es bei Shakespeare nicht auch: »...eine Rose, wie sie auch hieße, würde lieblich duften...«? Wer auch immer diese Jahrtausendwerke verfasst hat, sie sind wunderschön und inspirierend.
Wer mit Kunstkrempel nichts anfangen kann, sollte sich lieber noch mal »Independence Day« oder »2012« ansehen. Wer Roland Emmerichs »Opus Magnum« sehen möchte, geht ins Kino und lässt sich in eine andere Welt transportieren. Voller toller Schauspieler und überraschender Wendungen. Mutig.
Höchstwertung. 5 von 5 möglichen Popcorntüten.
S.B.