Amerikanische Remakes von europäischen Filmen nerven! Warum also hat David Fincher (»Fight Club«, »Sieben«) den ersten Roman von Stieg Larssons Millennium-Trilogie neu verfilmt? Klar, das ist ein verdammt spannendes Buch, das jede Menge Stoff für einen großartigen Film bietet. Aber es gibt ja schon eine richtig gute Verfilmung von »Verblendung«. Schon wieder ein Remake
Der schwedische Streifen »Män som hatar kvinnor« wurde von dem Dänen Niels Arden Oplev gedreht und lief erst 2009 in den Kinos. Warum also schon wieder ein Hollywood-Remake von einem gelungenem europäischen Werk? Filme wie »Rezept zum Verlieben« (»Bella Martha«), »Vanilla Sky« (»Abre los ojos«), »Freeze - Alptraum Nachtwache« (»Nattevagten«) müssten in der jüngsten Vergangenheit doch zur Genüge bewiesen haben, dass es manchmal eben nicht besser ist, wenn Hollywood brandheiße europäische Streifen noch einmal aufwärmt.
Nicht ganz vorurteilsfrei geht der vorbelastete Europäer also in den Kinosaal, um sich das amerikanische Remake von »Verblendung« anzuschauen. Immerhin spielt Daniel Craig den Mikael Blomkvist und nicht Tom Cruise. Zudem hat Regisseur David Fincher in der Vergangenheit ja oft genug bewiesen, dass er sein Handwerk mehr als versteht. Aber die Skepsis bleibt...
»007« lässt grüßen
Doch die Neuverfilmung beginnt vielversprechend. Schon die ersten Minuten zeigen, dass sich Fincher offenbar sehr stark an die Buchvorlage gehalten hat. Mit stimmungsvollen Bildern fängt er die schwedische Landschaft und Stockholm gekonnt ein. Die Geschichte vom Journalisten Mikael Blomkvist, der von dem Großindustriellen Henrik Vanger eingestellt wird, um das Verschwinden seiner Nichte vor 40 Jahren aufzuklären, ist detailgetreu und spannend in Szene gesetzt.
Unterstützt wird Mikael von der außergewöhnlichen Hackerin Lisbeth Salander. Gemeinsam stoßen die beiden auf eine grauenvolle Mordserie, die von der Vergangenheit bis in die Gegenwart reicht. Einzig der Vorspann des Films wirkt verstörend und erinnert ein bisschen an »James Bond«-Intros. Und wieder beschleicht einen ein ungutes Gefühl: Ist die Rolle des Mikael Blomkvist etwa so angelegt wie Daniels Figur als »007«? Harte Schale, weicher Kern
Glücklicherweise erweist sich dieser Verdacht als komplette Fehleinschätzung. In »Verblendung« darf sich der britische Schauspieler einmal von einer ganz anderen Seite zeigen. Kein bisschen steif und unnahbar, sondern verletzlich und erstaunlich normal, kommt der Bond-Darsteller daher. Als Gefühlsmensch und mit Dreitagebart übt er sich in stiller Zurückhaltung.
Aber besonders Rooney Mara schafft es, der Figur Lisbeth Salander etwas ganz Eigenes zu geben. Offenbar interpretiert sie die Rolle anders als Noomi Rapace, die 2009 eine wunderbare Lisbeth gab. Sie hat zwar dieselbe Härte, dieselbe Unabhängigkeit und Unnachgiebigkeit - doch da ist auch die Traurigkeit, die sich hinter der perfekt geschaffenen Fassade verbirgt und die Rooney im Gegensatz zu Noomi zulässt. Das macht sie interessant und anders. Außerdem wirkt die beängstigende Wunderkind-Aura, die so aufregend bei der schwedischen Lisbeth ist, bei ihr leicht und unangestrengt. Auch die Chemie zwischen Rooneys Lisbeth und Daniels Mikael stimmt vom ersten Moment an. Das Band, das die beiden Figuren durch die ganze harte Kriminal- und Vergewaltigungsgeschichte miteinander verbindet, ist viel deutlicher als bei dem schwedischen Original. Der interessante Aspekt in der Beziehung zwischen der jungen, toughen Einzelgängerin Lisbeth und dem Schreibtischmenschen Mikael, der sein Leben wieder neu ordnen muss, wird in intimen Szenen dargestellt. Die beiden verfolgen aus unterschiedlichen Motiven dasselbe Ziel und sind sich als Figuren extrem nahe.
Fazit
Trotz der Länge (158 Minuten) schafft es der Film zu fesseln. Die US-Fassung unterscheidet sich trotz vieler Ähnlichkeiten, besonders in den Details vom schwedischen Werk. Beide Streifen können gut nebeneinander existieren, auch wenn der amerikanische Film tatsächlich besser ist als der schwedische. Unterm Strich bleibt festzuhalten, dass David Fincher hier ein Meisterwerk geschaffen hat, das sowohl als Remake als auch als Literaturverfilmung in allen Punkten überzeugen kann. Ab dem 12. Januar 2012 ist der Streifen bei uns in den Kinos zu sehen.