Hate Watch und "Emily in Paris": Darum gucken wir Serien, die wir hassen

Hast du die Netflix-Serie "Emily in Paris" gesehen? Ja? Und, hat's dir gefallen? Nein, weil voller Klischees, furchtbaren Outfits und eindimensionalen Charakteren? Und trotzdem hast du die zweite Staffel angeschaut? Damit bist du nicht alleine – "Emily in Paris" ist ein Paradebeispiel für sogenanntes "Hate Watching".

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"Emily in Paris" war für Netflix ein Erfolg. Neben Millionen Aufrufen gab es sogar noch Emmy und Golden Globes Nominierungen on top. Doch war die Serie überhaupt gut? Also war sie WIRKLICH gut? Die Mehrheit der Zuschauer*innen sagt: Nein. Die Serie sei absolut trashig, mit einer unsympathischen und egoistischen Hauptperson, fragwürdigen Liebesbeziehungen und achso, hatten wir schon über Emilys "Style" gesprochen?! Und die ganzen Klischees… Die Stereotype in der Serie beschäftigen jetzt sogar die Politik: Der Minister für Kultur der Ukraine hat sich offiziell bei Netflix über die stereotype Karikatur einer Ukrainerin in der Serie beschwert.

 

Was macht also den Erfolg der Serie aus? Vermutlich all das zusammen: Leute gucken die Serie, um sich darüber aufzuregen. Dafür gibt es sogar einen eigenen Begriff: Hate Watch.

 

Hate Watch vs. Guilty Pleasure

Aus dem Stehgreif fallen dir bestimmt sofort einige Sendungen, Serien oder Filme an, die du nur schaust um darüber zu schimpfen oder dich darüber lustig zu machenReality TV zum Beispiel. Oder "Twilight" oder "Fifty Shades Of Grey". Während aber manches unter "Guilty Pleasure" fällt, also Dinge, die wir als "trashig" bezeichnen, aber ansehen, weil wir sie tatsächlich irgendwie gut finden (es aber nicht unbedingt an die große Glocke hängen würden), geht es bei Hate Watching wirklich nur darum, es kacke zu finden.


Warum tun wir uns das an?

Also, warum machen wir das? Und warum hat "Emily in Paris" so eine große "Hate-Base" statt Fan-Base? Vielleicht, weil uns diese Show allen Anlass gibt, uns besser und überlegen zu fühlen. Gerade nach so langer ermüdender Pandemie-Zeit, kommt auf Netflix eine hochnäsige Emily daher und benimmt sich in der Stadt der Liebe wie ein rücksichtsloser Elefant im Porzellanladen. Noch dazu wird sie quasi über Nacht zur Influencerin und hat einen mega fancy Job – unrealistischer geht's kaum, wir sind empört! Dazu plätschert die Serie so dahin und ist nett anzusehen, einfach zu konsumieren und wir können ohne schlechtes Gewissen alle angestaute Wut und Frustration an einem Netflix-Charakter rauslassen.

 

Also sind wir eigentlich doch Fans?

Hate Watching hat in gewisser Weise dann doch irgendwas mit Fan-sein zu tun. Schließlich wird jede einzelne Folge geschaut, sich mit anderen gemeinsam ausgetauscht, alles Mögliche ins kleinste Detail analysiert. Nichts anderes machen "richtige" Fans auch. Man hätte auch einfach eine Pilotfolge ansehen können und feststellen: Mag ich nicht, ist nicht so meins, schaue ich nicht weiter. Stattdessen wird durch den ganzen vermeintlichen Hate das Interesse an der Show größer und am Ende hat jede*r die Sendung gesehen, nur um zu sagen: Hab's gehasst!

 

Aber wie "Emily in Paris" zeigt – nach Staffel 1 war noch nicht Schluss und auch Staffel 2 wurde genüsslich auseinandergenommen. Von Fans und Hatern gleichermaßen. Die Serie scheint also doch irgendwas Faszinierendes an sich zu haben: Und sei es einfach nur ein bisschen seichter Eskapismus in unsicheren Zeiten. 

 

Autor: 
ld
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