"Ville de Bitche": Facebook sperrt Seite französischer Stadt

Weil ein kleiner französischer Ort dem Facebook-Algorithmus ein bisschen zu arg nach Schimpfwort klingt, wird dessen Page ohne Vorwarnung gesperrt. Nicht das erste Mal, dass Facebooks künstliche Guideline-Polizei etwas zu hart durchgreift.

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Dass es Algorithmen an Kontextwissen fehlt, durfte jetzt die kleine Gemeinde Bitche im Elsass am eigenen Leib erfahren - beziehungsweise an der eigenen Facebook-Page. "Ville de Bitche" klang der Künstlichen Intelligenz (KI) ein bisschen zu arg nach dem englischen Schimpfwort "Bitch". Die Algorithmus-Falle schnappte kurzerhand zu und plötzlich war die Facebookseite des Städtchens gesperrt - weil sie gegen die Nutzungsbedingungen der Plattform verstöße, wie dem Bürgermeister auf Nachfrage bei Facebook mitgeteilt wurde. 

 

monitoring wichtig - aber wie?

Mittlerweile ist es dringend nötig, den nicht mehr überschaubaren Content auf Facebooks Plattformen in irgendeiner Weise zu überwachen oder zu moderieren. Social Media ist längst in der Lage, Meinungsbildung zu beeinflussen und damit sogar Wahlen zu entscheiden - man denke an die US-Wahlkämpfe oder das Brexit-Referendum. Das Aussortieren von Content einer KI zu überlassen, ist dabei günstiger und schont die Psyche von Menschen, die ansonsten teilweise schwer belastende Fotos oder Videos ansehen und prüfen müssten. Doch die Algorithmen kommen eben auch an Grenzen.

 

Im Falle von Bitche war es die einfache Regel "Keine bösen Wörter", die zur Sperrung der völlig ungefährlichen Seite führte. Wobei dem Algorithmus das zusätzliche "e" offensichtlich egal gewesen ist. Vorsicht ist besser als Nachsicht. Der KI fehlt eben die Fähigkeit der Einordnung von "Ville de Bitche" als unspektakuläre Info-Page einer Gemeinde. 

 

aufklärung oder pornographiE?

Die fehlende Möglichkeit der Kontextualisierung wurde schon oft kritisiert. So sind zum Beispiel selbst rein informative Posts über zum Beispiel Stillen, Verhütung oder Menstruation auf den Sozialen Plattformen quasi nicht machbar, da nicht zwischen Aufklärung und Pornografie unterschieden wird - das Berliner Start-up "The Female Company" lud deswegen 2020 ein aufklärendes Video kurzerhand auf einer Pornoseite hoch.

 

Selbst bei Grafiken klingelt manchmal Facebooks Content-Aufsicht an der Tür und zeigt die Rote Karte. Das liegt vor allem auch an der eher prüden Moralvorstellung der KI: Keine Nippel auf Social Media! Außer es sind männliche, dann ist es ok... Seit Jahren wird mit dem Hashtag #FreeTheNipple auf diese Absurdität hingewiesen - zumal die Plattformen teilweise sogar bei alten Kunstwerken, auf denen eine Brust abgebildet ist, Alarm schlagen. 

 

wird mit zweierlei mass entschieden?

Im Sommer 2020 sah sich Facebook-Tochter Instagram einem weiteren wütendem Shitstorm gegenüber. Auslöser war ein harmloser Fotoshoot mit dem Plus-Size-Model Nyome Nicholas-Williams. Auf einem der Fotos sitzt das schwarze Model oberkörperfrei, die Arme über die Brüste verschlungen. Doch als Fotografin Alexandra Cameron das Foto postete, war es innerhalb weniger Stunden verschwunden. Auch weitere Versuche von Nyome oder der Community, das Portait zu posten, scheiterten. Teilweise nach Minuten wurde das Bild vom Algorithmus entfernt - weil es gegen die Community-Guidelines verstöße, es sei zu nackt, zu pornografisch. Dabei sind doch gar keine Nippel zu sehen. Hunderte User*innen warfen daraufhin mit dem Hashtag #IWantToSeeNyome der Plattform vor, mit zweierlei Maß zu messen: Schließlich seien leichtbekleidete Fotos von weißen, dünnen Frauen auf Instagram an der Tagesordnung - ohne gegen die Richtlinien zu verstoßen. 

 

es besteht diskussionsbedarf

Während der Algorithmus also manchmal unreflektiert etwas zu schnell und rigoros eingreift, wird Facebook oft vorgeworfen, bei Fake News und Hate Speech viel zu langsam zu sein. Mittlerweile hat sich übrigens der französische Facebook-Chef für den Fauxpas entschuldigt und die Seite "Ville de Bitche" ist wieder online

 

Um die Unerlässlichkeit menschlichen Wissens bei der Internet-Kontrolle zu diskutieren, hat der Bürgermeister von Bitche jetzt sogar Mark Zuckerberg höchstpersönlich in das Städtchen eingeladen. Einer echten Person hätte nämlich das Missverständnis auffallen können: Denn es waren ausgerechnet Amerikaner, die das Städtchen Bitche damals von deutscher Besatzung befreiten. Blöd nur, dass die selbsternannten "Sons of Bitche" heute vermutlich keine Facebook-Gruppe aufmachen könnten. Weil das klingt zu arg nach "Bitch", aber da waren wir ja schon...

 

Autor: 
ld
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