Wie Azubis und junge Mitarbeitende den Dresscode in Firmen verändern
Anzug und Krawatte? Allenfalls noch beim Notar, am Bankschalter und in Unternehmensberatungen.
Überall sonst in deutschen Büros und Betrieben wird die Arbeitskleidung lockerer, nicht zuletzt durch den Berufseintritt der Gen Z. Doch zugleich gibt es einen Trend zur neuen modischen Konformität durch ansprechender Arbeitskleidung. Wie passt das zusammen?
Wenn heute neue Auszubildende ins Unternehmen kommen, bringen sie nicht nur frische Energie und digitale Selbstverständlichkeit mit, sondern auch klare Vorstellungen davon, wie sich Arbeit anfühlen soll. Dazu gehört längst die Frage, was man im Job trägt. Kleidung ist für viele junge Menschen Ausdruck von Identität, Zugehörigkeit und Selbstbestimmung. Und genau deshalb rückt der Dresscode stärker in den Fokus.
Auch einst sehr konservative Arbeitgeber wie die Sparkassen gehen mit der Zeit. Im Karriereportal der Sparkassen-Gruppe steht: "Anzug und Krawatte sind schon lange nicht mehr überall Pflicht. Am besten schaust du dich vor deinem ersten Tag einmal in der Filiale um. Dann siehst du sehr schnell, wie dort der Dresscode ist." Doch die neue Lockerheit selbst hinterm Bankschalter ist kein Freifahrtschein für Mode jeder Art und das Büro kein Party-Club. "Es gibt ein paar modische Accessoires, mit denen du im Büro wahrscheinlich negativ auffällst. Mit zerrissenen Jeans und Flip-Flops solltest du als Mann nicht bei der Arbeit auftauchen. Ebenso wenig taugen für eine Frau Mini-Rock und durchsichtiges Oberteil als Arbeitskleidung in deiner Filiale – absolute No-Gos. Auch im Sommer solltest du lieber eine leichte, lange Stoffhose tragen als Shorts." Soweit, so klar.
Vorbei sind die Zeiten, als allein der Boss bestimmte, was Mitarbeitende anziehen
Doch gerade Berufsanfänger hadern oft mit den vom Unternehmen oder zu gegebenen Anlässen empfohlenen Kleidungsstilen. Allen voran "Business Casual". Jochen Mai, Gründer des Webportals "Karrierebibel", Jobmentor und Coach mit mehr als 20 Jahren Erfahrung sowie Autor zahlreicher Karrierebücher, definiert: "Business Casual ist der lockerere Dresscode für den Arbeitsalltag – noch immer wenig formell, aber professionell genug für die Arbeitsumgebung. Erlaubt ist mehr Flexibilität, er bleibt aber ordentlich und gepflegt." Viele deutsche Unternehmen ermuntern ihre Mitarbeitenden zudem zum "Casual Friday", sofern sie nicht ohnehin im Homeoffice arbeiten: Dieser "lässige Freitag" markiert ein softes Ende einer Arbeitswoche, an dem in vielen Unternehmen und Büros die sonst übliche Kleiderordnung gelockert wird.
In klassischen Branchen galt lange die Devise: Der Arbeitgeber definiert, was angemessen ist. Der "Casual Friday" folgt ebenfalls diesem Prinzip, weil der Arbeitgeber implizit erlaubt, dass es an diesem letzten Werktag der Woche betont lockerer zugehen darf. Doch diese modische Einbahnstraße funktioniert immer weniger. "Wie viel Mitsprache ist bei Arbeitskleidung sinnvoll, und wo braucht es klare Vorgaben?", fragt Oriol Badia, Mitgründer und Geschäftsführer von Gift Campaign, einem Werbeartikel-Shop, der auch im Bereich Arbeitskleidung tätig ist.
Seine Antwort ist weder dogmatisch noch romantisch, sondern pragmatisch: Es brauche Regeln, aber eben solche, die Menschen nicht ausbremsen, sondern ihnen das Gefühl geben, gesehen zu werden. Kleidung müsse sich nach den Mitarbeitenden anfühlen, nicht gegen sie. Gerade junge Beschäftigte reagieren sensibel darauf, ob ein Unternehmen ihnen zutraut, selbst zu wissen, wie sie professionell auftreten können.
Laborkittel oder Bauhelm sind Pflicht, vieles andere aber Verhandlungssache
Natürlich gibt es Bereiche, in denen Kleidung nicht verhandelbar ist und die Mitarbeitenden daher eher standardisiert als individuell auftreten müssen. Das gilt etwa für die Arbeit an Werkbänken, auf Baustellen oder im Labor. Arbeitsschutz, Hygienevorschriften oder bestimmte Kundensituationen lassen keinen Interpretationsspielraum. Viele Unternehmen berichten, dass gerade Berufseinsteigerinnen und -einsteiger diese Klarheit schätzen, solange sie nachvollziehbar ist. Ein verbindlicher Rahmen schafft Sicherheit, verhindert Missverständnisse und sorgt dafür, dass Teams einheitlich auftreten, wenn es darauf ankommt. Doch sobald Kleidung zum Symbol einer veralteten Hierarchie wird, verliert sie ihre Wirkung. Ein Dresscode, der zu weit vom Alltag junger Menschen entfernt ist, wirkt schnell wie ein Fremdkörper.
Deshalb öffnen sich immer mehr Unternehmen für Modelle, die Mitarbeitende stärker einbeziehen. Workshops, interne Abstimmungen oder Pilotprojekte mit Azubi-Jahrgängen helfen dabei, herauszufinden, welche Kleidung wirklich akzeptiert wird. Die Erfahrung zeigt: Wenn junge Mitarbeitende das Gefühl haben, dass ihre Meinung zählt, steigt die Identifikation mit dem Arbeitgeber spürbar. Konflikte über "angemessene Kleidung" nehmen ab, und Kleidungsstücke mit Unternehmensbezug werden häufiger getragen – nicht aus Pflicht, sondern aus Überzeugung. Badia: "Ein Kleidungsstück bleibt dann im Alltag, wenn es sich nach dem eigenen Stil anfühlt. Wenn Mitarbeitende sagen: Das wurde für mich gemacht – und nicht für irgendwen."
Einige Unternehmen gehen inzwischen noch weiter und testen hybride Modelle, die Freiheit und Orientierung miteinander verbinden. In manchen Firmen gibt es ein Grundset, das für bestimmte Situationen verpflichtend ist, während Farben, Schnitte oder ergänzende Teile frei gewählt werden können. Andere arbeiten mit sogenannten Workstyle-Budgets, die es Mitarbeitenden ermöglichen, selbst zu entscheiden, welche Kleidungsstücke mit Unternehmensbezug sie nutzen möchten. Wieder andere lassen Azubi-Teams eigene Mini-Kollektionen entwickeln, die anschließend allen Mitarbeitenden zur Verfügung stehen. Und in einigen Betrieben entscheidet nicht mehr die Position über die Kleidung, sondern der Anlass: Kundentermin, Bürotag, Event oder Homeoffice.
Weltweites Milliarden-Business mit Arbeitsmode
Der weltweite Markt für Arbeitskleidung ist riesig. Nach Recherchen von "Fortune Business Insights" betrug er 2025 rund 417 Milliarden US-Dollar. Bis 2034 erwarten die Analysten ein Plus auf fast 700 Milliarden US-Dollar. Der Markt umfasst eine breite Palette von Produkten wie formelle Kleidung, Business-Freizeitkleidung, Uniformen, formelles Schuhwerk und Accessoires wie Krawatten und Gürtel.
Für 2026 zeichnet sich laut Gift Campaign ein klarer Trend ab: Kleidung mit dezentem Branding, hochwertigen Materialien und alltagstauglichen Schnitten setzt sich durch. Schlichte Premium-Hoodies in gedeckten Farben, Unisex-Sweater aus recycelten Stoffen, moderne Poloshirts, T-Shirts mit Ton-in-Ton-Stick oder leichte Hybridjacken gehören zu den Favoriten. Auch Caps und Beanies gewinnen an Bedeutung, besonders in Ausbildungsberufen. Der gemeinsame Nenner ist eindeutig: weniger Logo, mehr Persönlichkeit. Ein Produkt funktioniert dann, wenn es nicht nach Werbemittel aussieht, sondern nach etwas, das man sowieso tragen würde.