Missbrauch von Potenzmitteln bei Jugendlichen

Als 1998 mit Viagra ein Medikament gegen Erektile Dysfunktion auf den Markt kam, ahnte noch niemand, welchen Siegeszug die blaue Pille hinlegen würde.

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Millionen Männer überall auf der Welt hatten plötzlich wieder die Chance auf ein erfülltes Sexualleben, welches zuvor entweder aus physischen oder aus psychischen Gründen nicht mehr stattgefunden hat. Manchmal auch aufgrund von beiden Faktoren. Es müssen längst nicht immer körperliche Ursachen vorliegen, die eine Erektionsstörung auslösen. Mittlerweile ist das Phänomen Versagensangst eine der am meisten verbreiteten Motivationen, um zu Potenzmitteln zu greifen. Die Angst, eine Frau nicht oder nicht ausreichend häufig befriedigen zu können, soll um jeden Preis ausgeschaltet werden. Daher greift in den letzten Jahren sehr häufig eine Zielgruppe zu Potenzmitteln, für die diese in der ursprünglichen Intention überhaupt nicht gedacht waren - junge Männer zwischen 20 und 35, die körperlich völlig gesund sind und auch sonst mitten im Leben stehen.

 

Männern, die bei einer Erektionsstörung Hilfe benötigen, muss geholfen werden. Dafür sind die dementsprechenden Medikamente gedacht. Denn über eine Sache darf kein Zweifel bestehen: Männer, die ihren Partnerinnen kein befriedigendes Sexualleben bieten können, leiden extrem unter diesem Handicap. Das Gefühl, kein richtiger Mann zu sein, setzt sich immer mehr fest und mit der Zeit entwickelt sich eine Spirale der Angst, sodass die Wahrscheinlichkeit einer Erektion immer geringer wird, je länger die Probleme anhalten. Dies kann zweifellos zu erheblichen psychischen Problemen führen, die letztlich durch die Einnahme von Potenzmitteln sehr einfach behoben werden können, bzw. gar nicht erst entstehen würden. Insofern hat die Einnahme von Viagra und Co. in diesen Fällen ganz bestimmt ihre Daseinsberechtigung, auch wenn zunächst eher die Zielgruppe der Vätergeneration ab 50 im Fokus der Entwickler stand - Männer, die primär mit körperlichen Ursachen zu kämpfen hatten, die einem gesunden Sexualleben im Wege standen.

 

Es existieren eine ganze Reihe von Krankheiten, die sich sehr negativ auf die Fähigkeit, eine Erektion zu bekommen oder zu halten, auswirken können. Blutgefäßerkrankungen sind die häufigste organische Ursache für Erektile Dysfunktion. Auch Diabetiker oder Männer mit Nervenerkrankungen oder Hormonstörungen sind von dieser Problematik nicht selten betroffen. Ebenfalls treten Erektionsprobleme auch als Nebenwirkung bei der Einnahme verschiedener Medikamente auf. Dazu zählen beispielsweise bestimmte Herzmittel, Antidiabetika, Beruhigungsmittel und Antidepressiva, Krebsmedikamente sowie Psychopharmaka.

 

Doch mittlerweile ist zu beobachten, dass Potenzmittel nicht mehr so sehr als Medikament betrachtet werden, welche eine Krankheit (ob physisch oder psychisch) heilen sollen. Viel mehr kristallisiert sich heraus, dass diese zunehmend als Art Lifestyle-Droge wahrgenommen werden, die immer weniger anrüchig, peinlich oder unangenehm erscheint und wachsende gesellschaftliche Akzeptanz erfährt. Dies ist einerseits natürlich zu befürworten, da sich kaum mehr jemand dem Canossagang zum Hausarzt aussetzen und womöglich noch im Beisein junger, attraktiver Arzthelferinnen mit einem Problem öffnen muss, welches der Patient lieber unter Verschluss halten würde. Denn genau diese Problematik verhinderte häufig das Aufsuchen eines Arztes. Daher blieb das Krankheitsbild entweder unbehandelt oder es wurden dubiose Produkte aus dem Internet bezogen, welche im besten Fall keine Wirkung hatten oder im schlimmsten Fall sogar höchst schädliche Nebenwirkungen auslösten.

 

Allerdings hat die geschwundene Hemmschwelle bei der Besorgung von Potenzmitteln und der vereinfachte Zugang zu diesen auch seine Schattenseiten. Denn genauso wie Alkohol konsumiert wird, um den Spaßfaktor zu erhöhen, Ecstasy eingeworfen wird, um eine Nacht lang durchzutanzen oder Gras geraucht wird, um Entspannung zu finden, finden potenzsteigernde Pillen den Weg zu den Männern mit dem Ziel, ihre Performance zu steigern. Ganz offensichtlich ist auch der Gesetzgeber nicht vollends vom Status als Medikament überzeugt, denn die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten für Viagra und andere Potenzmittel so gut wie nie. Zwar werden die Untersuchung und die Diagnose durch einen niedergelassenen Arzt bezahlt, die Potenzmittel selbst hat allerdings fast immer der Versicherte zu tragen. Eine abschreckende Wirkung scheint dies nicht zu haben, denn die Umsätze der Pharmafirmen steigen kontinuierlich.

 

Doch warum ist die Nachfrage so hoch? Was treibt junge, gesunde Männer tatsächlich dazu, sich chemische Helferlein zu besorgen für eine Sache, die doch sonst immer von alleine lief? In welchen Punkten hat sich die Gesellschaft verändert, sodass sich ein derartiger Erfolgsdruck aufbaut? Diese Frage ist natürlich mit knappen Worten nicht ausreichend zu beantworten, jedoch ist festzustellen, dass der Leistungsgedanke, der in einer globalisierten Welt bereits die Kindergärten erreicht hat, längst auch den Weg in die Betten gefunden hat. Zwar wird überall mit schönen Worten eine passende Work-Life-Balance gefordert, über die Reduzierung von Arbeitsstunden diskutiert und die befreiende Wirkung von Sabbaticals beschworen, wenn es jedoch hart auf hart kommt, zählt die Leistung. Auch - und gerade - im Bett. Die Gesellschaft ist in vielen Teilen extrem durchsexualisiert. Bereits im Vorabendprogramm wird mit einprägsamem Sound und farbenfrohen Bildern ungeniert für Sextoys geworben, Pornographie ist stets nur einen Mausklick entfernt und in den verschiedensten Ausgestaltungen kostenlos und ohne Schwierigkeiten zu erhalten. Dadurch wird ein Bild gezeichnet, welchem der durchschnittliche Mann kaum mehr gerecht werden kann. Ein Versagen ist nicht nur nicht gewünscht, sondern lässt einen ganz schnell durch das Raster der Männlichkeit fallen.

 

Da liegt es auf der Hand, sich diesem Erfolgsdruck und Leistungsstress so weit wie möglich zu entziehen und auf Mittel zu setzen, die den Sex und damit das Leben signifikant vereinfachen. Doch Vorsicht ist angebracht. Wer es mit Potenzmitteln übertreibt, muss sehr wohl auch mit negativen Konsequenzen rechnen. Es handelt sich hier nicht um harmlose Produkte auf pflanzlicher Basis, sondern um chemische Substanzen mit allerlei Nebenwirkungen. Die physiologischen Nebenwirkungen wie Sehstörungen, Übelkeit, Hitzewallungen, verstopfte Nase oder Rückenschmerzen sind hinlänglich bekannt und treten auch nicht zwangsläufig auf. Jedoch birgt der Erwerb übers Internet mit dem Ausfüllen eines Fragebogens und der damit verbundenen Ausstellung eines Online-Rezeptes auch Risiken. So ist es natürlich wahrscheinlicher, dass der Hausarzt, der um die Herzprobleme seines Patienten weiß, die Verschreibung eines Potenzmittels verweigert. Dementsprechende Vorerkrankungen gehen online tendenziell unter.

 

Vielfach unterschätzt wird jedoch auch die Gefahr einer psychischen Abhängigkeit. Selbstverständlich steigert die Einnahme von Potenzmitteln die Erwartungshaltung an die eigene Leistungsfähigkeit. Dies kann dazu führen, dass ohne die Pille sofort wieder die Versagensangst einsetzt und daher eine dauerhafte prophylaktische Einnahme erfolgt. Viele Experten empfehlen daher, immer wieder Phasen zu schaffen, in denen auf Potenzmittel verzichtet wird. Im Idealfall sollten diese nur situativ eingesetzt werden. 

 

Autor: 
ENERGY Media
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